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Mittwoch, 17 April 2019 16:52

Ein einzigartiges, unbekanntes Bild

Der Maler Weininger und eine Frau

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Zum Bestand des National-Historischen Museums zu Athen gehört dieses Ölgemälde auf Holz, signiert Weininger, mit den Maßen 33×23,5 cm. Der Maler, offensichtlich ein Laienkünstler, stellt eine Gruppe von ungefähr dreißig bayerischen Soldaten dar, die sich wahrscheinlich während der Pause eines Marsches im Freien erholen. Die mediterrane Umgebung, vor allem aber die Anwesenheit zweier Griechen in Nationaltracht deuten auf Griechenland als Ort der Darstellung hin.
 
Das Werk ist undatiert. Es kam 1961 ins Museum, seine Herkunft ist aber nicht geklärt.
 
IMG 0688 2Foto: National-Historisches Museum/Enyo
 
Die Bildfläche scheint horizontal in zwei fast gleichen Zonen geteilt zu sein. Im Hintergrund leuchten Himmel und See; im Vordergrund sehen wir die Männer, die in kleinen Gruppen aufgeteilt, stehend oder liegend, beritten oder auf ihren Tambouren sitzend, miteinander reden. Die Gesten der gleichzeitigen Sprecher, die Aufmerksamkeit oder Besorgnis der Zuhörer, die auf dem Boden herumliegende Ausrüstung, das Trommeln des dritten Tambours, die beladenen Tiere links, das Getrampel des weißen Pferdes rechts setzen eine Szene zusammen, die trotz ihrer Bewegungslosigkeit sehr lebhaft und dynamisch wirkt. 
 
Das Gemälde ist unter den Werken mit ähnlichem Thema, d.h. die bayerischen Soldaten in Griechenland, aus zweierlei Gründen ein Sonderfall.
 
1. Wer ist der Maler Weininger?
 
Fast mitten auf dem Bild, unter dem letzten Tambour, befindet sich die Signatur [...] Weininger pinx[i]t (lat. malte). Der Anfangsbuchstabe des Vornamens ist nicht klar, jedoch steht auf der Rückseite des Gemäldes R. Weininger pinxt
 
collage Weininger 2 3Der Name des Malers auf der vorderen und der hinteren Seite
 
Dieser deutsche Laienkünstler ist uns aus keiner anderen Quelle bekannt, denn der Name Weininger ist bis jetzt weder in den Namenslisten der bayerischen Soldaten noch in denjenigen der deutschen Zivilbeamten, die in Griechenland dienten, gefunden worden. War er vielleicht ein Reisender? Oder jemand, der Griechenland gar nicht besucht hatte, also das Bild als eine fiktive Darstellung schaffte?
 
Es bleibt zu hoffen, dass wir künftig mehr über den unbekannten Künstler erfahren werden. Vielleicht könnte ein Besucher bei GraecoGermanica uns über ihn informieren?
 
2. Endlich eine Frau dabei
 
Der Alltag der einfachen Deutschen, die im ottonischen Griechenland als Soldaten oder Einwanderer lebten, ist in der Malerei wenig bezeugt. Eigentlich kennen wir nur drei Maler (Ludwig Köllnberger, Adalbert Marc, Nepomuk Haubenschmid), die ihre nicht prominenten Landsleute zu Protagonisten ihrer Werke machten; gerade wurde ein vierter hinzugefügt. Doch alle stellen in ihren Bildern nur Soldaten, keine Zivilauswanderer dar.
 
Noch schwerer, ja fast unmöglich ist es, Abbildungen von Auswanderinnen zu finden. Es ist merkwürdig, dass die neuangekommenen Frauen aus Deutschland völlig in der Malerei fehlen. Während also in den Werken der erwähnten Maler die bayerischen Soldaten als vielfältig handelnde Subjekte erscheinen, die an Gefechten teilnehmen, im Straßenbau arbeiten, Geldtransporte begleiten, Flüsse überqueren usw., tauchen die Frauen, die ihnen gen Süd nachfolgten, nirgendwo auf. 
 
Ihre Abwesenheit ist nicht durch die militärische Identität der Maler zu erklären, denn in den schriftlichen Dokumenten des Ottonischen Archivs wird mehrfach bestätigt, dass Frauen -Ehefrauen von Soldaten- auch in den Kasernen lebten. Sie boten Koch- und Reinigungsdienste, sie folgten samt ihren Kindern den Militärabteilungen während der Dislozierungen, sie erlebten die Ereignisse in Mani, wo manche sogar gefangengenommen wurden, sie arbeiteten in den Militärkrankenhäusern, sie nahmen an den landwirtschaftlichen und anderen Arbeiten der Militärkolonien (Iraklion, Tirynth, Kymi) teil und litten genauso wie die Männer unter Krankheiten und Armut; trotzdem bleiben sie in der Malerei unsichtbar, unbeachtet, inexistent. 
 
Das Gemälde Weiningers stellt eine kleine Ausnahme dar: links auf dem Bild im Hintergrund wird eine stehende Frau gezeigt, die sich mit einem der uniformierten Männer unterhält. 
 
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IMG 0690 3Die weibliche Figur eingekreist (oben) und als Detail
 
Die abgebildete Frau trägt ein weißes Kleid, eine rote Weste und eine große Tasche diagonal über der Schulter; in ihrer linken Hand hält sie eine Flasche. Die weiße Schute als Kopfbedeckung, ein gewöhnliches Accessoire der europäischen Frauenkleidung im 19. Jahrhundert, ist der charakteristischste Teil ihres Aussehens und weist deutlich auf ihre Herkunft hin. Ihre schlichte Figur sowie ihre Teilnahme am Marsch macht sie zu einem typischen Fall der deutschen Emigrantinnen der ottonischen Zeit, die meistens zu den niedrigen Sozialschichten gehörten und ihren auswandernden Männern nach Griechenland folgten.
 
Die Zahl dieser Frauen war zwar klein, doch größer als diejenige, die das Verhältnis von Frauen und Männern im Bild suggeriert. In den Militärabteilungen der Freiwilligen von 1833-34 z.B. machten die Frauen 6-7% aus; außerdem gab es auch diejenigen, welche alleine oder mit anderen Familienmitgliedern (Schwestern oder Brüdern) umsiedelten. 
 
Ihre sozialen Merkmale, die vielfältigen Motive ihrer Migration, ihre Lebensbedingungen in Griechenland, die Art und der Grad ihrer Aufnahme in die griechische Gesellschaft dürften ein fruchtbarer Untersuchungsgegenstand sein. Zur Zeit begnügen wir uns mit dieser kurzen Erwähnung, die bloß von der seltenen -vielleicht sogar der einzigen- malerischen Bezeugung Weiningers angeregt wurde. 

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