Blog

Mittwoch, 04 Dezember 2019 18:32

KRAUS

Der Soldat und die Räuber
Räuber Fiesta
L. Köllnberger, Räuber-Fiesta (1835)
 
Während der ganzen ottonischen Periode verblieb die Räuberei eine offene Wunde am Körper der griechischen Gesellschaft. Männer, die im Freiheitskampf heroisch gekämpft hatten, tauchten im neugegründeten Staat als Mitglieder von bewaffneten Übeltäter- oder Söldnerbanden auf, um überleben zu können, oft auch im Dienst von politischen Gegnern.
 
Im Sommer 1835 schien die Situation außer Kontrolle zu sein, vor allem in Rumelien an den nördlichen Grenzen mit der Türkei. Die Räuber waren in dieser Region eine ständige Bedrohung für jeden Einwohner, da sie ohne konkrete Ideologie wirkten und jedermann angriffen, dem man etwas entreißen konnte.
 
Die möglichen Ursachen dieses starken Anstiegs der Räuberei waren nach Meinung der Historiker:
1. Die ständige Unzufriedenheit der ehemaligen Soldaten der irregulären Truppen wegen der Auflösung ihrer Armee und wegen der Bavarokratie im Militär und in der Regierung.
2. Die Vertreibung der griechischen Banden aus den türkischen Gebieten.
3. Der Unmut der Räuber von Rumelien über die Entlassung ihres Beschützers Ioannis Kolettis aus der griechischen Regierung im Mai 1835 -der Innenminister Kolettis war frankophil, der Kanzler Armansperg anglophil.
 
Rumelioten
L. Köllnberger, Leichte Infanterie / Rumelioten (1835) 
 
Unter den unzähligen Opfern der Räuber finden sich auch viele deutsche Soldaten und Immigranten: Militärleute in dienstlichen Missionen, Forstleute und Ingenieure auf Inspektionsreisen, einfache Wanderer oder Privatleute in ihrem Heim. Aus diesen vielen Fällen sticht der Angriff gegen den Hauptmann Kraus im Juni 1835 hervor; die besondere Bedeutung dieses Vorfalls liegt einerseits in der hohen Stellung Krauses in der griechischen Armee, andererseits in der ungewöhnlichen Rohheit, mit der diese Tat vollführt wurde. Dadurch zeigte sich auch die Schwere des Problems deutlich, was die Regierung dazu motivierte, zum ersten Mal organisiert gegen die Räuber vorzugehen.
 
Dank dem bestehenden Archivmaterial sind uns mehrere Details dieser erschütternden Geschichte bekannt, die wir hier sowohl als ein charakteristisches Bild jener Epoche, als auch um der Protagonisten zu gedenken wiedergeben.
♦♦♦
Friedrich Kraus reihte sich freiwillig in der griechischen Armee ein und kam 1833 mit der ersten Expedition nach Griechenland. Er kam aus der Dreiflüssestadt Passau im Unterdonaukreis; er war damals 27 Jahre alt und hatte schon einen vorherigen 6-jährigen Dienst im bayerischen Militär abgeleistet. Über seine Ausbildung in Deutschland ist uns leider nichts bekannt; allerdings ist seine technische Kompetenz daran zu erkennen, dass er in kürzester Zeit nach seiner Einreihung im Pionierbataillon vom Leutnant zum Hauptmann befördert und dann zum Kreisingenieur -zuständig für die Reparaturen oder den Bau von öffentlichen Gebäuden, Straßen und Brücken- im Kreis Aetolien-Akarnanien ernannt wurde. In den Listen der Militärbuchhaltung (1833-35) ist die Unterschrift des Kreisingenieurs Kraus auf Dokumenten zu sehen, die Arbeiten an Krankenhäusern, Wasserleitungen, Kasernen, Werkstätten, Gefängnissen und Wachhäusern in Messolonghi, Rhion und Patras betrafen.
 
Kraus Unterschrift
Rechnung der Militärbuchhaltung unterschrieben von Kraus
(Foto: GSA/Enyo) 
 
Zu den Pflichten eines Kreisingenieurs gehörten auch die mehrtägigen Inspektionsreisen zu verschiedenen Orten des Kreises. Im Mai 1835 waren für Kraus zwei solche Reisen geplant: Die erste dauerte drei Wochen und endete am 30. Mai, die zweite begann am 6. Juni. Er würde von Messolonghi über Agrinion nach Karpenissi gehen zur Inspektion der Grenzplätze, auf welchen Gendarmeriekasernen erbaut werden sollten. Kraus folgten der Pionier-Oberleutnant Demetrios Georgiou, Ingenieur aus Tripoli, und der 27-jährige Soldat Martin Maier aus Haidhausen-Au (München).
 
Nachdem sie nach zwei Wochen ihre Mission vollendet hatten, wollten die drei Männer von Karpenissi nach Messolonghi zurückkehren; zwei griechische Lasttiertreiber, drei Meister und die vorgesehene Sicherheitsbegleitung aus Gendarmen oder Nationalgarden begleiteten sie bis zur Ankunft in Agrinion. Laut der Bezeugung des Oberleutnants Georgiou nahm Kraus nach Agrinion diese Begleitung nicht an, weil er früher diesen Weg schon öfters passiert.
 
KRAUS
Die Route von Missolonghi nach Karpenissi 
 
Am 19. Juni morgens ritten die acht Männer von Agrinion fort, um die ungefähr vierzig letzten Kilometer bis Messolonghi zurückzulegen. Um 4 Uhr nachmittags machten sie die letzte Pause im Olivenhain von Aitolikon, um 5 brachen sie wieder auf, um 6 näherten sie sich dem Ort Skali, 1,5 Stunden von ihrem Bestimmungsort entfernt. Ein Lasttiertreiber ging voran, es folgte Maier, danach Kraus und in kurzem Abstand Georgiou, die drei Meister und ein zweiter Pferdetreiber, der unter anderem auch das Gewehr des Hauptmanns, eine Doppelflinte, trug.
 
Die Pferde mit ihren Reitern gingen schon auf der engen, gepflasterten und von Sümpfen umgegebenen Straße von Skali weiter, als die drei Vorgehenden -der Pferdetreiber, Maier und Kraus- von Räubern angegriffen wurden, die hinter Felsen und Büschen hervortraten und auf sie feuerten. Nach der Erzählung des Augenzeugen Georgiou waren sie an verschiedenen Stellen platziert und mehrere Dekaden stark -in den erhaltenen Zeugnissen schwankt ihre Zahl zwischen 50 und 80. Kraus verlangte sein Gewehr, aber bevor er es noch in die Hand nehmen konnte, traf ihn eine Kugel im Unterleib und er stürzte vom Pferd. Maier und der erste Pferdetreiber wurden ebenfalls verwundet. Georgiou, der zweite Pferdetrieber und die drei Meister nutzten ihre Distanz vom Angriffspunkt und suchten durch die Felsen und Büsche zu schleichen und in Richtung Meer rennend zu entkommen. Während der Flucht wurde der Lasttiertreiber erschossen und war auf der Stelle tot; einer der Meister konnte sich rennend nach Aitolikon retten und Georgiou mit den zwei anderen Meistern erreichte das Meer, stieg in ein kleines Boot und fuhr nach Messolonghi. Dort angekommen meldete er die Vorkommnisse.
 
Was danach folgte, erfahren wir aus dem Bericht des Pionier-Leutnants Sicherer, Stellvertreter von Kraus während dessen Abwesenheit:

Das königliche Stadt- und Festungskommando ließ sogleich Generalmarsch schlagen; die Infanterie und das Pionier-Detachement standen unter Gewehr, der Stadtkommandant ließ die Mauern besetzen und Patrouillen gehen. Am 20. Juni morgens 4 Uhr begab sich auf Befehl des Stadtkommandos ein Oberleutnant der Infanterie, Oberleutnant Georgiou und Leutnant Veigele des Pionier-Detachements unter Begleitung von Infanterie und Pioniere hinaus, um die Leichname der Ermordeten aufzusuchen. Kaum war man 1 3/4 Stunden von Missolonghi entfernt, als man auf die erste Leiche eines griechischen Pferdtreibers stieß, welcher unter mehreren Schüßen, Schnitt- und Stichwunden, Abschneidung des Kehlkopfs und der Handgelenke seinen Geist aufgeben hatte müßen.
Gegen 30 Schritte von diesem entfernt lag der Pionier 1. Klasse Maier; dieser hatte mehrere Schuß- und Stichwunden und war demselben der Kehlkopf abgeschnitten, wie die Gedärme aus dem Unterleib getreten.
Einige Schritte von diesem lag Herr Hauptmann Kraus, an welchem diese Tyrannen ihre ganze Mordlust ausgelassen zu haben schienen, denn mit mehr als 30 Wunden lag er da, die Nase abgeschnitten, die Augen ausgestochen, die Oberkinnlade aufgerissen, die Unter abgeschnitten, das linke Ohr halb abgehauen, die Zähne zerschmettert; kurz es war an diesem Mann eine Kunst im Zerstümmeln entwickelt, zu der blos Griechen Anlagen und Herzen zur Ausführung haben können, denn jeder Deutscher, der dabei war, kann den Augenblick kaum ertragen.
Von den Habseligkeiten der Ermordeten fand man noch gar nichts, was diese Unmenschen zurück gelassen hatten; sogar Pläne und Dienstpapiere hatten sie vernichtet.
Endlich kam man zu dem 4ten Leichname eines griechischen Pferdtreibers, welcher -so wie aus dem Vorhergehenden zu schließen ist- ebenfalls nach griechischer Straßenräuber-Methode ermordet war.
Man lud nun diese Leichname zu Pferde und transportierte sie zur Stadt; dort angelangt wurde der Herr Hauptmann Kraus und Pionier Maier in die Werkstätte gebracht und um 10 Uhr auf Befehl des Stadtkommandos durch eine Kommission die Körper der Ermordeten untersucht, wovon man die Resultate der Untersuchung beilegt. [...]
Nachmittags 6 Uhr wurden beide Leichname mit den militärischen Ehrenbezeugungen der Erde übergeben.
 
Missolonghi
L. Köllnberger, Missolonghi (1834) 
 
Die Meldung der Ereignisse in Athen erregte in der Regierung eine große Beunruhigung; umso mehr weil die Berichte der Lokalbehörde von Messolonghi -Gendarmerie, Stadtkommandantschaft und Nomarchie- Details enthielten und gewisse Fragen bezüglich der Reaktion derselben nach der Anzeige des tragischen Geschehens aufwarfen. Während sie nämlich angaben, dass die Anwesenheit der Räuber in Skali ihnen schon seit 6 Uhr nachmittags angekündigt war, als ausgeplünderte Bürger in die Stadt kamen und die Übeltäter anzeigten, hatten trotzdem bis 7 1/2 Uhr, als Georgiou mit der neuen Anzeige ankam, weder die Gendarmen noch die Nationalgarden eine Aktion gegen die Räuber unternommen. Deswegen beschuldigte der Kriegsminister Lesuire die Behörde von Messolonghi des Mangels an Tätigkeit, Energie und Umsicht und forderte auf Befehl der Regentschaft die Stadtkommandantschaft zu strenger Verantwortung über die Passivität ihres Benehmens auf. Der Stadtkommandant beruft sich in seiner Apologie auf die Schwäche der Besetzungs-Mannschaft, die in der Stadt selbst herrschende Unordnung und die Furcht vor einem allenfalsigen Einfall der Räuber in dieselbe. Er bestätigt auch, dass doch eine Abteilung von Nationalgarden um 9 Uhr abends nach den Räubern geschickt wurde, sie aber einfach nicht traf. Eigentlich weichen die Beschreibungen der Vorkommnisse in den Berichten soviel von einander ab, dass eine Entscheidung über die Wahrheit eher unmöglich ist; bekanntlich wurden in solchen dienstlichen Berichten die Tatsachen so präsentiert, dass es für den Unterzeichneten günstig war.
 
Grenzbataillon
L. Köllnberger, Grenzbataillone und Hilfsgendarmen (1834-35)
Unter den Soldaten ein festgenommener Räuber. 
 
Die Identität der Täter war allerdings bekannt. Allen Zeugnissen nach handelte es sich um die Bande der Räuberchefs Chosiadas, Roupakias und Kalamatas. Auf den wegen der Grausamkeit und Gewalt seiner Taten berüchtigten Chosiadas war schon seit 1834 eine Belohnung von 2000 Drachmen ausgesetzt; nur in den Monaten April-Mai 1835 zählten zu den Verbrechen desselben außer unzähliger Räubereien auch zwölf Morde an Männern und Frauen, sowie Entführungen und Vergewaltigungen. 
 
In den athenischen Zeitungen wurde der Mord von Friedrich Kraus und seinen Kameraden mit Bezug auf das Problem der öffentlichen Sicherheit veröffentlicht: Sotir (Σωτήρ/Le Sauveur) bezeichnet die Räuber, die den bayerischen Ingenieur Kraus töteten, als unzufriedene, hoffnungslose Menschen und wünscht die Vernichtung der Kriminellen; Athena (Αθηνά) weist die Regierung auf die dringende Notwendigkeit, die Unruhen zu unterdrücken, hin und gibt einen detaillierten Bericht über die Taten der Räuber, die den goldenen jungen Mann Kraus ermordeten.
 
AgiaMarina
L. Köllnberger, Gefecht mit Räubern bei Hagia Marina bei Zeitouni (1836) 
 
Einen Monat nach den Ereignissen bei Skali führte die Regierung das Standrecht in den Grenzgebieten von Rumelien (Aetolien-Akarnanien und Phokis-Lokris) ein und beauftragte den schottischen Philhellenen Thomas Gordon mit der Führung der Militärkräfte, die zum ersten Mal die Räuber organisiert bekämpfen würden. Die Ergebnisse dieses Zugs waren nicht die erwarteten: Die Räuber entflohen in die angrenzenden türkischen Gebiete oder in andere Verstecken auf griechischem Boden. Bis zur Zerschlagung der Räuberei in Rumelien mussten noch 20 Jahre vergehen und es eine Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden geben. 
 
Hier endet die Geschichte von Hauptmann Kraus, der seinen frühen Tod von der Tyche verlassen, fern von den drei Flüssen, unweit einer Lagune erlitt.-
 
Missolonghi A.Marc
A. Marc, Missolonghi (1834)
 
Quellen
 
Ungedruckte
Athen, Generalstaatsarchiv (GSA-CSA): Ottonisches Archiv der königlichen Kanzlei
Athen, Generalstaatsarchiv (GSA-CSA): Ottonisches Archiv des Innenministeriums
Athen, Generalstaatsarchiv (GSA-CSA): Ottonisches Archiv des Kriegsministeriums
Athen, Generalstaatsarchiv (GSA-CSA): Ottonisches Archiv der Militärbuchhaltung
 
Zeitungen
Σωτήρ/Le Sauveur 16/28. 6. 1835, S. 116
Αθηνά 15. 6. 1835 (Nr. 249), S. 1066
 
Literatur
Ανωνύμου, Η στρατιωτική ζωή εν Ελλάδι, 1970 (18701)
Ιωάννης Σ. Κολιόπουλος, Περί λύχνων αφάς. Η ληστεία στην Ελλάδα (19. αι.), 1996
Eric Hobsbawm, Ληστεία, 20104 (Bandits, 20001)

Built with HTML5 and CSS3 Copyright © 2017
Website Design and Development: isotopon