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Sonntag, 23 August 2020 16:48

Der heilige Ludwigstag

Religion und Politik zwischen Iraklion und Kiphissia

LUDWIG

Ludwig I. Schülerzeichnung aus der Schule zu Ermoupolis auf Syros, 1839.
Foto: GSA/Enyo

Die deutschen Kolonisten in Iraklion bei Athen feierten jährlich am 25. August den Namens- und Geburtstag von Ludwig I. Die Feier von 1849 war aus zwei Gründen besonders: Erstens war Ludwig nach den Ereignissen von 1848 nicht mehr König; zweitens bildete die unerwartete Erscheinung Ottos vor Ort den Höhepunkt der Veranstaltung.

Drei Mitglieder der Kolonie sandten der Augsburger Postzeitung den folgenden Bericht, wo die Beschreibung des Festes mit einem politischen Kommentar verbunden wird. Ein interessantes Zeugnis des Soziallebens und des politischen Denkens dieser deutschen Einwanderer:

Feier des Ludwigstages zu Arakly in Attika

Jährlich haben wir das Geburts- und Namensfest Königs Ludwigs I. gefeiert, heuer aber begingen wir dies Fest im erhöhten Glanze. Nicht nur daß viele unserer Stammesgenossen am Rhein und Main pflichtvergessen und treulos gegen Wittelsbach aufstehend uns mit Schaam und Trauer erfüllten, und wir unsere treue Gesinnung trotz der Entfernung vom Vaterlande und trotz der verführerischen Stimmen einzelner verlornen Söhne des Vaterlandes bethätigen wollen, sondern auch, weil viele Deutsche im nahen Kephisia heuer weilen, schmückten wir unsere durch die Beiträge unserer bayerischen Mitglieder erbaute katholische Kirche, in welcher sich gestern der bayerische Gesandte Baron v. Perglas, mehrere Angestellte und fromme Wallerinnen aus Athen einfanden, um das Königsfest zu feiern. Vor Beginn des Hochamtes, gehalten von unserm würdigen Herrn Pfarrer Vacondio, überraschte uns flüchtiger Hufschlag, und König Otto mit seinen beiden Adjutanten Dimitriden Mauromichali und Miaulis wohnten in Mitte treuer Bayern dem Kirchenfeste für den hohen geliebten Vater bei. Vierstimmiger Choral trug Haydn's deutsche Messe vor, nach welcher mit gewohnter Huld und Heranlassung König Otto Sich bei Einzelnen um ihre Verhältnisse erkundigte und uns mit neuem Muth erfüllte.
Der begonnene Festtag wurde mit großer Tafel zu Kephisia geschlossen, zu welcher beide Priester geladen wurden, und bis in die späte Nacht mischten sich in die griechischen Jubeltöne auch die vaterländischen, aus treuem deutschen Herzen entströmenden Freudenlaute: Heil Ludwig und Otto! 
Dies zur Kunde unserer Brüder am Rhein und Main im deutschen Vaterlande von den katholischen Kirchenpflegern.

Arakly bei Athen, den 26. Aug. 1849

Joh. Bittlinger aus Haslach
Franz Müller aus Hammelburg
Peter Wanger aus Musbach

Der Text der drei Kirchenpfleger ist vor allem eine Loyalitätserklärung für die Monarchie. Wie schon aus einem vorigen Artikel bekannt, waren die Deutschen Athens von den Vorfällen von 1848 in Deutschland, welche die Küster explizit verurteilen, nicht unberührt geblieben. Die Aussicht der Vereinigung ihres Landes hatte damals die meisten begeistert, doch niemand hatte sich offen gegen die Monarchie geäußert. Diejenigen, die glaubten oder fürchteten, dass der Revolutionsstrom Europas auch Griechenland beeinflussen würde, und einen Protestmarsch der armen Bauern von Iraklion nach Athen erwarteten, irrten sich. Noch nach eineinhalb Jahren verherrlichten die Iraklioten Ludwig I, den entthronten König und Vater "ihres" Ottos. 

Die Anwesenheit Ottos beim Fest war eher ungewohnt. In der Regel feierte er den Ludwigstag am Hof, mit einem Dîner für wenige Gäste. Aber im Sommer 1849 war die Königin zu Besuch bei ihrem Vater in Oldenburg und Otto verbrachte die heiße Jahreszeit in Kiphissia, wo auch mehrere griechische und ausländische Politiker und Diplomaten ihren Sommersitz hatten; Sp. Trikupis, der englische Gesandte Lyons, der russische Katakasy, der österreichische Prokesch und der bayerische Perglas zählten dazu. Iraklion ist von dem "grünen" Kiphissia sechs Kilometer entfernt und ein Besuch bei der Kolonie gab Otto die Gelegenheit, den Heiligen und den Ludwig in einer verschiedenen deutschen Umgebung zu verehren.

Otto kam begleitet von zwei griechischen Junkern mit klangvollen Namen an. Die Hochrufe an der grossen Tafel in Kiphissia ertönten später in der Sommernacht gleichzeitig auf katholisch-deutsch und orthodox-griechisch. Die kleine bayerische Gemeinde schlug allmählich Wurzeln in Griechenland. Und Otto wusste, dass die Gefahr nicht von den Leuten von Iraklion, sondern von jenen von Kiphissia drohte.-

collage

Die katholische Kirche St. Lukas in Iraklion, erbaut 1845.
Foto: Enyo

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Herrn John Wagner, einem Nachfahren des Kolonisten Peter Wanger, danke ich herzlich für den Hinweis auf die angeführte Zeitungsanzeige.

 

Quellen

Augsburger Postzeitung, 7.9.1849
Ανέκδοτες επιστολές της βασίλισσας Αμαλίας στον πατέρα της 1836-1853, επιμ.-μτφρ. Βάνα Μπούσε-Μίχαελ Μπούσε, Αθήνα 2011

 

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