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Montag, 07 Juni 2021 09:14

Athlet, Wanderer, freier Mensch

Mensen Ernst in Griechenland

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Panathenäische Amphore (Detail)
© The Trustees of the British Museum


Denn die Heimat einer edlen Seele ist die ganze Welt.
Demokrit


Ein kleiner Mann in türkischer Tracht erschien an einem Morgen im Juli 1833 vor dem Tor von Nauplion und bat die Wache, ihn zu Ottos Residenz zu führen. Er hielt eine Mappe mit Briefen, die den königlichen Stempel Bayerns trugen und behauptete, sie vor vierundzwanzig Tagen in München empfangen und sie bis daher zu Fuß getragen zu haben. Bei der Reisepasskontrolle stellte der bayerische Wachmann fest, dass vor ihm der berühmteste Athlet Europas, der passionierte Reisende Mensen Ernst stand, der vor einem Jahr das Publikum erstaunt hatte, als er binnen zwei Wochen von Paris bis Moskau lief.

Wie kam dieser seltasame Briefträger, der das Leben mit der unaufhörlichen Bewegung gleichsetzte, dazu, vor dem Landestor mit Richtung auf den Palast zu stehen? Seine Geschichte mag mit dem Thema der Website nur locker verbunden sein, dennoch wird sie wegen der faszinierenden Personalität ihres Protagonisten hier behandelt.  

ΠΡΟΝΟΙΑ ΝΑΥΠΛΙΟΥ

Der nordöstliche Zugang zu Nauplion; am Ende der Strasse das Landestor.
Maler: Eugène Peytier (1793-1863)
(travelogues-Aik.Laskaridis Foundation)

Mensen Ernst hatte von früh an die Welt gesehen, oder wenigstens einen großen Teil davon. 1795 in Norwegen geboren, wurde er als Seemann in Dänemark ausgebildet und diente danach auf englischen Schiffen, die ihn bis Amerika, Indien und Afrika brachten. Eines Tages entschied er, dass er zwar zum Reisen, aber nicht zum Segeln geboren war; so tauschte er die eintönigen Ozeane und die engräumigen Schiffe gegen die Freiheit der festländischen Straßen. Da er immer ein außergewöhnlich begabter Läufer gewesen war, würde er fortan als professioneller Athlet in der Welt umherreisen und seinen Lebensunterhalt durch Kurierdienste, Sponsorschaften, sportliche Vorstellungen und Wetten verdienen. Das Wettlaufen (Pedestriantismus) war im 19. Jahrhundert eins der populärsten Spektakel und er würde sein glänzendster Vertreter werden.

Mit fünfundzwanzig Jahren begann er, Europa zu bereisen und beeindrückende Darbietungen zu präsentieren, in denen die Schaulustigen gegen Bezahlung zusahen, wie er mit Dampfmaschinen, Hunden und Pferden wetteiferte, auf Stangen schnelllief oder in orientalischen Kleidern rannte. In kurzer Zeit wurde er bekannt und die Zeitungen annoncierten sein eigentümliches Auftreten von Schweden bis Italien und von Spanien bis Ungarn. Ohne feste Basis oder ständigen Wohnsitz, ohne enge Bindung zu seiner Heimat oder Familie war dieser rennende Nomade überall und nirgendwo zuhause. Doch ein engeres Verhältnis hatte er zu Deutschland wegen seiner Freundschaft mit der adligen Familie von Wedemeyer, die ihn in ihre Obhut genommen und oft für längere Zeit auf ihrem Gut zu Anrode in Thüringen zu Gast hatte. Tatsächlich wirkte Ernst durch seine Gutmütigkeit, Bescheidenheit, aufopfernde Teilnahme und fast kindliche Naivität sympatisch auf alle, die sich ihm näherten; er war laut seinem Biographen ein reiner, guter Mensch

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Mensen Ernst in Dänemark 1826, mit voller Reiseausrüstung.
© Odense City Archives 


Der rastlose Norweger wagte seine erste lange Laufreise im Juni 1832, als er von Paris bis Moskau (2600 km) binnen zwei Wochen lief, also um 180 km täglich zurücklegte. Dieser beispiellose Erfolg bestärkte seinen Ruhm und brachte viele Gewinne aus Wetten, von denen er einen bedeutenden Teil an die Armen verschenkte. 

Wandernd von Land zu Land und von Stadt zu Stadt, kam er im Februar 1833 nach München. Otto war damals jüngst nach Griechenland abgereist, die Werbung der Freiwilligen ging noch fort und die griechische Angelegenheit wurde überall eifrig diskutiert. In diesem Klima kam Ernst auf die Idee eines zweiten großen Wettkampfes: Er schlug vor, Briefe der königlichen Familie dem ausgewanderten Prinzen, jetzt König von Griechenland, spätestens nach einem Monat, zu Fuß reisend zu überbringen (die regelmäßige Postverbindung zwischen den beiden Ländern wurde damals auf dem Seeweg über Triest durchgeführt, wo eine 28-tägige Quarantäne für die Einreisenden aus dem Osten galt).

Ottos Familie akzeptierte den Vorschlag, vielleicht aus emotionalen oder sogar politischen Gründen; ein wohlbekannter, populärer Athlet, der Bayern mit Pheidippides Heimat durch schnelle Schritte verbinden würde, wäre eine gute Werbung für die neugeknüpften griechisch-bayerischen Beziehungen und ein Beweis dafür, dass Griechenland gar nicht so entfernt sei. So bekam Ernst eine Einladung zur königlichen Residenz.

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Die Familie Ottos beim Betrachten des Gemäldes Ankunft des König Ottos in Nauplia von P. v. Hess. 
Lithographie nach einer Zeichnung von G. Bodmer, um 1833.
(Wikimedia Commons)

Am angegebenen Tag und Uhrzeit trat vor die Königin Theresie, die Geschwister Ottos, den Außenminister von Gise und mehrere Hofleute ein gedrungener Mann von kräftiger Statur, mit melierten Haaren, Falten auf der Stirn und einem sanftmütigen Gesichtsausdruck. Er war etwa fünfunddreißig Jahre alt, sprach gut deutsch und beieindruckte die Anwesenden durch seine geographischen, astronomischen und nautischen Kenntnisse; er zeigte ihnen die geplante Route auf der Karte und versicherte die Königin, dass seine Gesundheit nicht gefährdet wäre, obwohl sich (im Gegensatz zu der fast ebenen Route Paris-Moskau) zwischen München und Nauplia viele Gebirgs- und Wassermassen, sowie der Durchgang durch türkisches Gebiet seine Mission erheblich erschwerten. Bezüglich seiner Methoden und Gewohnheiten während der Reise erklärte er, dass er immer direkte Linien einschlage, indem er die Krümmungen der Strassen und die Umgehung natürlicher Hindernisse vermeide, um Zeit zu sparen; er gehe durch Städte, nur wenn er Geld oder Lebensmittel brauche; er orientiere sich mit Kompass, Quadranten und Landkarte; er ernähre sich einfach, mit hauptsächlich kalten Speisen -Brot, Käse, Obst, wenig Fleisch und unbedingt Wein oder Rum seien seine Hauptdiät; er schlafe höchstens vier Stunden täglich und immer im Freien, weil ein weiches Bett der Elastizität und der Stärke seiner Füße schade.

Am 6. Juni 1833 holte der mutige Wanderer die versiegelten Briefe ab und lief vom Schloss Nymphenburg in Anwesenheit von 20.000 Zuschauer los. Er trug einen kurzen blauen Mantel, gleiche Pantalons, leichte Schnürstiefel und eine Mütze; ein breiter, fester Gurt um die Taille enthielt die Orientierungsinstrumente, Rum und Brot und in einer Ledertasche wurden vierzig in einem Wachstaffet eingehüllte Privatbriefe verwahrt; dazu Pässe und Zertifikate von allen Gesandten.  

 

ΧΑΡΤΗΣ

Die Route von München nach Nauplion. 

 

Berg auf, Berg ab über Salzburg, Radstadt, Villach, Laibach (Ljubljana) und Adelsberg (Postojna) erreichte er nach einer Woche Fiume (Rijeka) am Adriatischen Meer. Er wählte die weniger gebirgige Route entlang der dalmatischen Küste, aber die aufeinander folgenden Buchte und Binnenflüße verursachten erhebliche Verspätungen; Ernst löste das Problem mit Stangen, die er aus Holz aus den nahen Wäldern bastelte. Bei seiner Ankunft in Breno (Zupa Dubrovacka) wurde er unter Quarantäne gestellt, weil er zuvor durch das von der Pest heimgesuchte Ragusa (Dubrovnik) gegangen war; Ernst floh einfach und machte sich wieder auf den Weg. Er rannte Tag und Nacht, ruhte sich in zehnminütigen Pausen aus und schlief im Freien, höchstens vier Stunden lang. Geld bekam er von den jeweiligen österreichischen Behörden nach Vorzeigen der bayerischen Dokumente. 

Montenegro (damals zum Teil österreichisch und zum Teil türkisch) erwies sich als die gefährlichste Etappe der Reise, nicht nur wegen des unwegsamen Dinarischen Gebirges und der vielen Flüsse, sondern auch wegen der Räuber, die ihm hier zweimal in den Weg traten. Das erste Mal schaffte er es, laufend in den Wald zu entkommen; das zweite musste er zuerst Kompass, Quadranten, Karte und Geld übergeben, dann aber luden ihn die über seine auffallende Erscheinung und ruhige Haltung verwunderten Räuber zu einem gemeinsamen Frühstück mit Weißbrot und Wein ein, bevor sie mit dem Schrei "Allah" verschwanden. 

Von da an gezwungen, sich nur mit Hilfe der Sterne und des Seedunstes am Horizont zu orientieren, durchquerte der frühere Seemann weitere Berge, weitere Täler und Gewässer mit Stelzen. In Cattaro (Kotor) besorgte er sich einen neuen Kompass und Karte, dann lief er Budva vorbei, passierte die österreichisch-türkische Grenze, kam in Antivari (Bar) an und nach Überquerung des Flusses Bojana betrat er Albanien und nahm die Richtung nach der Stadt Shkodra.

 

Skódra Lear Edward 1851

 Ansicht der albanischen Stadt Shkodra mit der Burg und dem Fluss Bojana,
Zeichnung von Edward Lear, 1851
(travelogues-Aik. Laskaridis Foundation)

Mit Geld (türkischen Piaster), das er nunmehr von den Konsulen Österreichs bekam, ersetzte er hier seine abgenutzten Kleider durch ein zur neuen kulturellen Umgebung passendes Kostüm: weißen Mantel, rote Unterkleider, grüne Stiefel, breiten Gürtel, aber statt Turban einen italienischen Strohhut. In dieser originellen Aufmachung erschien er bei seiner Ankunft in Skutari (Shkodra) vor dem Pascha. Der Pascha nahm ihn gastfreundlich auf, führte ihn in der Stadt herum, äußerte sich wohlgesinnt über Otto und versorgte letztlich seinen Gast mit einem Visum, das sich bald als sehr nützlich erweisen sollte, als Ernst vor Alessio (Lezha) als österreichischer Spion angehalten, aber nach Vorlage des Visums freigelassen wurde.

Nach 400 km, sobald er Ioannina und Arta hinter sich gelassen hatte, kam es zu neuen Verwicklungen. Eine türkische Militär-Patrouille, die ihn auf irrtümlich von Ernst für griechisch gehaltenem Boden, der jedoch türkisch war, bei einer Rast begegnete, brachte ihn unter dem Verdacht der Spionage wieder nach Ioannina (66 km) zurück. Der türkisch gekleidete Ernst wurde dort vor Emir-Pascha geführt, einem gebildeten, europäisch gekleideten Mann, der Französisch sprach und verlangte, dass alle Privatbriefe -außer Ottos- ausgehändigt und gelesen werden müssten. Während seines erzwungenen zweitägigen Aufenthalts in der Stadt wurde Ernst vom griechischen Sekretär des Pascha beherbergt, in dessen Wohnung er viele griechische Patrioten kennenlernte; dabei merkte er auch, dass einige von ihnen beachtlich reich waren. Schließlich holte er weitere Aufträge und Briefe für Nauplia, die zensierten Dokumente, einen Pass-Ferman vom Pascha samt Wünschen für Otto ab und brach wieder geschwind zur türkisch-griechischen Grenze auf.

Seine erste Station in Griechenland war Amphilochia. Hier traf er bayerische Soldaten des Geniekorps, die -wie aus dem erhaltenen Arbeitstagebuch bekannt- unter Befehl des Ingenieur-Oberleutnants Lufft die Militärgebäude dieser an der Grenze liegenden, strategisch wichtigen Stadt bauten und reparierten. Ernst machte hier eine zweistündige Pause und reiste um elf Uhr nachts ab. Neunzehn Stunden später erreichte er Messolonghi, eine trübe Stadt mit vielen stationierten Bayern, und nach einer kurzen Rast lief er wieder rasch der Küste entlang gen Naupaktos, dann gen Amfissa, Livadia, Aliartos. Am 30. Juni um zwei Uhr morgens erkannte er aus der Distanz den unter dem Mondschein glänzenden Akrokorinth. Da er Korinth nicht betreten wollte, erquickte er sich bei einer griechischen Familie, dessen Haus an der Straße lag.

Am nächsten Morgen kam er in Argos an und erblickte endlich das im Hintergrund liegende Nauplion. Trotz der Verspätungen hatte er sein Ziel sechs Tage vor der vorherbestimmten Zeit erreicht und ungefähr 2500 km binnen dreieinhalb Wochen absolviert. Um zehn Uhr betrat er durch das Landestor die griechische Hauptstadt und unter Begleitung von zwei Soldaten übergab er einem Hofbeamten die Briefe. Otto empfing ihn einen Tag später in seinem Arbeitszimmer in der Residenz, wo Ernst in einer zweistündigen Audienz dem jungen König und mehreren Amtsträgern seine Reiseabenteuer erzählte und am Ende 1000 Gulden als Belohnung erhielt. Ein großzügiges Entgelt bekam er auch vom Prinzen Eduard von Sachsen-Altenburg, dem Bruder der Königin Theresie, der seinen Neffe nach Griechenland begleitet hatte.

 

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Das Schreibzimmer von König Otto in Nauplia, worin er Ernst empfing. 
Werk von J. N. Haubenschmid, um 1833, Nationales Historisches Museum Athen
(Foto: Enyo)


Die Anwesenheit des berühmten Läufers in der Stadt war ein besonderes Ereignis, das bayerische Soldaten in ihren Tagebüchern und Korrespondenzen für bayerische Zeitungen sorgfältig aufschrieben. In einer freundlichen, deutsch geprägten Umgebung lernte der geschätzte Besucher das sommerliche Nauplion kennen, besuchte Argos und freundete sich mit Deutschen und Griechen. Nach zwei Wochen schiffte er sich in ein italienisches Schiff nach Triest ein und versäumte nicht, während der Reise eine Vorstellung auf Zakynthos zu geben. 

Ernst drückte eine aufgeschlossene, fortschrittliche Gesinnung aus, wenn er immer sagte, dass seine Kirche die ganze Welt und seine Heimat Europa sei, das er vielmals zu Fuß durchquert hatte. Jetzt, nach Erfüllung seines Auftrags im ottonischen Griechenland, dem letzten, neugeborenen Staat der europäischen Familie, hatte er zu seinen Wanderungen den südlichsten Teil dieser großen Heimat hinzugefügt.  

In München wurde er mit Begeisterung empfangen und durfte seine jüngsten Erfahrungen vor den blaublütigen Auftraggebern und mehreren Zuhörern in einer speziellen Veranstaltung im Palais erzählen, bevor er die Stadt verließ. In dieser Zeit wurde auch sein bekanntestes Porträt angefertigt, das ihn verständlicherweise in mediterraner Umgebung darstellt. Er war jetzt berühmter denn je, hatte bestimmte Sprechstunden für seine Bewunderer und war mit hohen Personen bekannt; er lehnte aber immer die Einladungen zu Schauspielen ab, weil er die Leidenschaften der Menschen schon beim Herumreisen in der Welt erfahren habe.

 

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Ernst in mediterraner Umgebung, mit einem Sextanten in seinen Händen.
"Løperkongen" Grøndal A/S Oslo 1986, Public domain, via Wikimedia Commons


Der wanderlustige Langläufer verwirklichte nach den Quellen 1836 sein drittes ambitioniertes Projekt, eine Fußreise von Istanbul nach Calcuta und zurück binnen 59 Tagen. Die Leistung scheint ja unfassbar, trotz der Bestätigung einer Zeitung, dass, wenn man ihn in seinem halbtürkischen Kostüm auf dem nassen und schlüpfrigen Steinpflaster so leicht einhertraben, dabei ein Stückhen Brod und einen Apfel essen sah, und wenn er nicht aß, fortwährend pfeiffen hörte, so wurde es einem glaublich, daß er zu Fuß nach Indien und zurück (1124 Deutsche Meilen) in 59 Tagen laufen konnte

Danach plante Ernst, Afrika von Norden nach Süden zu Fuß zu bereisen und damit seine Karriere zu beenden.

In der Tat übernahm er 1842 von einem reichen Deutschen den Auftrag, die Quellen des weißen Nils zu lokalisieren; doch das ehrgeizige Vorhaben konnte er nicht zu Ende bringen. Anfang 1843 las man in den Zeitungen die folgende Nachricht: Der berühmte Fußreisende Mensen Ernst, der sich vorgenommen hatte, die Quelle des weißen Nils aufzusuchen, wurde von der Ruhr befallen und starb zu Ende Jänners in Syene [Assuan]. Reisende, die den Werth dieses Mannes kannten, haben ihn an der ersten Katarakte des Nils zur Erde bestattet.
Auf diese Weise wurde sein Wunsch erfüllt, dass diese Reise seine letzte sei.

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Notiz

Ernsts Leistungen erregten in seiner Zeit nicht nur Bewunderung, sondern auch Zweifel. Wenn er für die meisten ein unschlagbarer Athlet war, sahen ihn andere als einen vom Teufel besessenen Sonderling, der die Leichtgläubigen überzeugte, dass er wie aus der Pistole geschossen laufen konnte. Für manche hatten seine Darbietungen etwas Unnatürliches, Widerwärtiges, während andere, die in seiner ruhelosen Lebensweise eine persönliche Suche sahen, glaubten, dass dieser Mann ein zu übersetzendes Gedicht sei.
War also Ernst ein Betrüger und sein Biograph ein Lügner?

Die deutsche Biographie Ernsts, auf der dieser Text basiert, gründet auf der Erzählung des Athleten selbst, welche der Autor Gustav Rieck in seinem Buch literarisch bearbeitet wiedergab. Der Läufer legte als Beweise amtliche Reisedokumente vor -Pässe mit Konsulatstempeln und Bescheinigungen von Lokalbehörden-, trotzdem waren seine Leistungen so hoch, dass sie übermenschlich, also unglaublich schienen.

Aus seinen drei längeren Reisen ist die Reise nach Griechenland die am besten belegte. Aber die Reise Istanbul-Ostindien verursacht eigentlich eine große Verwirrung, denn die genannte Biographie, die zwei Mal vor dem Tod Ernsts herausgegeben wurde, gibt an, dass insgesamt, d.h. hin und zurück, 1124 deutsche Meile (8300 km) binnen 59 Tagen absolviert wurden. Doch diese Kilometeranzahl entspricht nur der Hinreise; die Hin- und Herfahrt wäre doppelt so lang und Ernst hätte täglich über 230 km laufen müßen, um sie in 59 Tagen zurückzulegen, was nicht nur nach menschlichem Ermessen unmöglich ist, sondern auch alle früheren Leistungen desselben weit übertrifft. Diese Unklarheiten, sowie einige Angaben der Biographie, die entweder nicht bestätigt werden können (wie Ernsts Teilnahme am Seeschlacht von Navarino) oder ungenau sind (wie Datum und Ort seiner Geburt in Norwegen), hatten zur Folge, dass wir Ernst zwischen Wahrheit und Mythos einordnen, was unserer ansonsten völlig gerechtfertigten Bewunderung für ihn ein Fragezeichen anfügt.

Der Vergleich zu heutigen Ultramarathonläufern hilft uns nicht. Unter ihnen finden sich Spitzenathleten (z.B. Giannis Kouros, Dean Karnazes), die zwar Ernsts Schnelligkeit, aber kaum seine einmalige Ausdauer erreichten; für diese gibt es bis heute weder eine Erklärung, noch ein ähnliches Phänomen. Genau das, samt seiner merkwürdigen Persönlichkeit, macht die Geschichte dieses hingebungsvollen einsamen Langläufers so reizvoll und seinen Besuch in Griechenland erinnernswert.

 

Quellen

Literatur

Gustav Rieck, Mensen Ernst's See-, Land- und Schnell-Reisen in allen fünf Weltteilen: Nach mündlichen und schriftlichen Ueberlieferungen, Breslau 18412
J. A. S. Abele, Griechische Denkwürdigkeiten und die k. bayerische Expedition nach Hellas, Mannheim 1836

Zeitungen

Münchener Conversations-Blatt, 9.11.1833
Augsburger Postzeitung, 11.4.1837
Bayreuther Zeitung, 19.4.1837
Sundine Beiblatt, 11.5.1838
Frankfurter Ober-Post-Amts-Zeitung, 18.11.1838
Fränkischer Merkur (Bamberger Zeitung), 28.3.1839
Aschaffenburger Zeitung, 22.3.1843

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